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Gemeinschaftshirn

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oxyd Kunsträume, Winterthur "radius"
23. Februar bis 6. April 2014

Ich habe als Kind geglaubt, alle existierenden Bücher irgendwann gelesen zu haben. Ungefähr dreizehnjährig realisierte ich, dass ich nicht einmal alle Bücher der Gemeindebibliothek schaffen werde. Wir Menschen haben nur zusammen alle Bücher gelesen. Wir sind Teil eines gemeinsamen Wissensschatz, dem Gemeinschaftshirn. An diesem merkwürdigen Ding sind wir alle beteiligt, ob wir Viel- oder Wenigleser sind. So wie wir auch alle beteiligt sind an den praktischen Errungenschaften aus diesem Wissen. Wir fahren Auto, ohne selbst eines bauen zu können, telefonieren ohne uns genau vorstellen zu können wie das geht und so weiter.
Für «Hirnbausatz» habe ich meine eigenen erinnerten Bücher verwendet. Für «Gemeinschaftshirn» habe ich verschiedene Menschen nach ihren wichtigen Büchern gefragt. 50 Personen haben mir 210 Bücher genannt. Ein winziger, mikroskopischer Ausschnitt aus dem gemeinsamen Hirn.

Geme von A bis Z

Bald eine Milliarde Jahre kochte die Ursuppe vor sich hin. Angeheizt durch UV-Strahlung, enthielt sie alles, was es damals an Zutaten so gab: Wasser, Ammoniak, Methan und andere einfache chemische Verbindungen. Irgendwann verkochten diese anorganischen Moleküle zu Einfachzuckern, Fettsäuren, Aminosäuren und Nukleotiden. Die Bausteine des organischen Lebens waren entstanden. Es dauerte noch eine Weile, dann legten sich die Fette so aneinander, dass sich Hohlkugeln bildeten, die Zucker wurden komplexer, die Aminosäuren verbanden sich zu Proteinen und die Nukleotide verketteten sich zur DNA, der Trägerin der Gene. Die ersten Einzeller belebten die Erde. Dreieinhalb Milliarden Jahre später lief die Spezies homo sapiens aufrecht über die Steppe, zusammengesetzt aus 100 Billionen miteinander kommunizierenden Zellen. Sie entwickelte Sprache sowie Selbstbewusstsein und bezeichnete sich innerhalb kürzester Zeit selbstzufrieden als die Krone der Schöpfung.
Weitaus prosaischer ist die Einschätzung der Evolutionsbiologie: Der Mensch ist in ihren Augen nur eine weitere Variante der Vehikel, die von den Genen der DNA konstruiert und gesteuert werden. Sex und Zeugung verschaffen den Genen neue Vehikel, bevor die alten Modelle gebrechlich werden und zerfallen. Die neuen Vehikel reifen und bringen eine weitere Generation hervor. So geht das immer fort. Die Gene überdauern, die Vehikel schwinden. Das ist die biologische Evolution.
Ob Cholerabakterium, Ringelblume, Wurm, Hai, Linde, Krähe, Ameisenbär oder Mensch: unterschiedslos sind wir alle nur Behälter. Vom Menschen als Krone der Schöpfung wäre wenig übriggeblieben, wäre da nicht eine neue Suppe am Kochen: die Suppe der Kultur.
Die Zutaten diesmal sind: Buchstaben, Töne, Farben, Formen. Die Buchstaben verketten sich zu Worten, die Töne verbinden sich zu Melodien, die Farben und Formen arrangieren sich zu Bildern. Es dauerte eine Weile, dann erstanden erste Ideen und Ideologien, Modelle und Theorien, Geschichten und Geschichte.
Die kulturelle Evolution löst die biologische ab. Die Meme greifen nach dem Zepter der Gene. Ein Mem, das ist das körperlose Etwas, das uns ebenso wie das Gen überdauert. Ein Mem, das ist eine Idee, ein Konzept, eine Vision, die von Generation zu Generation weitergegeben wird und zu dem führt, was uns auszeichnet: Identität und Kultur. So wie das Gen von Körpervehikel zu Körpervehikel springt, so springt das Mem von Gehirn zu Gehirn. Das Gen nutzt die Verpackung von Ei- oder Spermazelle, das Mem wird durch Sprichwörter, Sagen, Anleitungen, Melodien weitergegeben, es findet sich in Büchern, Bildern, Filmen, Musik.
Kaum sind also Ei- und Spermazelle verschmolzen, wachsen wir an den Zügeln der Gene heran. Kommen wir nach neun Monaten als Babyvehikel auf die Welt, dann schauen wir hoch in den Himmel der Meme, öffnen unser Hirn wie einen Trichter und lassen fortan Geschichten und Geschichte in uns hineinrieseln. Endlich Kultur! Endlich Mensch, Krone der Schöpfung!

Suzann-Viola Renninger